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Das Eis von Lübeck – eine italienisch-deutsche Geschichte

Das Eis von Lübeck – eine italienisch-deutsche Geschichte

Es ist die älteste Eisdiele Lübecks und man munkelt, es sei auch die beste. Wer in Lübeck wohnt, der kennt das Eiscafé Venezia, und wer die Hansestadt besucht, dem sei das kühle Eis des kleinen, italienischen Ladens wärmstens empfohlen. Allein die Adresse ist ein Besuch wert: An der Ecke Königstraße/Hüxstraße kommt man einfach nicht vorbei. Oder vielmehr: Hier kommt jeder vorbei. Fast exakt in der Mitte der Altstadt laden die Tische und Stühle des Venezias an warmen Tagen zu einer erfrischenden, gemütlichen Auszeit ein. An kühleren Tagen sitzt man am Tresen auf Barhockern, surft im Internet oder beobachtet vom Ecktisch aus das Treiben der Passanten. Die Räumlichkeiten sind hell und modern – dafür sorgte vor zwei Jahren eine Rundum-Erneuerung. Unangetastet blieb dabei allerdings das Grundrezept fürs Eis: Seit 1954 macht die Inhaberfamilie Scussel, nunmehr in dritter Generation, Eis auf der Basis von Eiern, Milch und Zucker. „Klassisch“ nennt Walter Scussel das Eis, womit er die heute nicht mehr selbstverständliche natürliche Herstellung meint. Das Vanilleeis wird immer noch aus Vanilleschoten gemacht. Das Schokoladeneis schmeckt wie vor 60 Jahren, und das im besten Sinne.

Kein Geheimnis: frische, natürliche Zutaten

Neben Tradition und Familiensinn zeichnet den Betrieb schon immer auch Fortschrittlichkeit aus. So war vor über 20 Jahren das Eiscafé Venezia wieder einmal Vorreiter: Als erstes Eiscafé der Stadt nahmen die Scussels damals milchfreies Eis in ihr Sortiment auf, um auch Menschen mit Lactose-Intoleranz ein Eis bieten zu können. Und was ist mit neuen, innovativen Sorten – dem Mega-Eis-Trend der letzten Jahre? Da bleiben die Scussels ganz unaufgeregt. Natürlichkeit sei das Wichtigste.

Mangoeis aus der Eisdiele Venezia
Historisches Bild des Hauses
Blick in die Eisdiele kurz vor Öffnung, deshalb ohne Gäste

So etwas wie Mars- oder Twix-Eis kommt nicht in die Tüte!

Wenn aber ein Kunde mit exotischen Zutaten oder Früchten aus dem eigenen Garten auftaucht, dann machen die Scussels schon mal spontan Eis aus frischen Stachelbeeren oder Ähnlichem. Von all ihren Neuheiten und Experimenten hat sich das Eis „Orange-Pampelmuse“ als Knüller der letzten Jahre durchgesetzt. Das gibt`s nur im Eiscafé Venezia und ist bei den Gästen eine der Lieblings- Erfrischungen.

Warum „Venezia“?

Die heutigen Inhaber des Venezias, Carlo Scussel und seine Frau, sowie der Bruder Walter Scussel sind stolz auf die lange Familientradition mit spannender Geschichte, die auch die Geschichte der italienischen Eiscafés in Deutschland ist. Ca. 3000 solcher italienischen Cafés gibt es hierzulande und ungefähr ein Drittel ihrer Betreiber stammen aus demselben Tal – dem italienischen Val Zoldana in den Dolomiten, nicht weit von Venedig. Schon früh trieben mangelnde Erwerbsmöglichkeiten die Bewohner des Tals ins Exil. Die ersten begaben sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts nach Wien oder Venedig. Sie entdeckten den Eisverkauf für sich und begründeten ihre Tradition. Einer folgte dem anderen und auch der „Opa“ der Scussels, wie die Brüder ihn nennen, half später vielen seiner heimischen Nachbarn, sich in Deutschland als Eishändler zu etablieren. Ihre Cafés heißen „Venezia“ oder „Dolomiti“.

Als der Großvater verschwand und mit 40.000 Mark Schulden zurückkehrte

Noch vor dem Krieg kam der Großvater Scussel mit seiner Frau nach Weißenfels (Sachsen-Anhalt) und eröffnete dort ein Eiscafé. Im Krieg flüchtete er zurück nach Italien und kehrte anschließend nach Deutschland zurück. Die Familie lebte in München, bis „Opa“ eines Tages verschwand. Nach drei Monaten kehrte er mit 40.000 Mark Schulden zurück und holte Frau und Kinder ab. Es ging nach Lübeck, wo die Familie schließlich eine positive Überraschung erwartete: ein frisch erworbenes und hergerichtetes Altstadthaus in der Königstraße – mit dem ersten Eiscafé der Hansestadt.

Die zwei Jahreszeiten

Ca. 2000 Bewohner aus dem italienischen „Tal des Eises“ leben seit diesen Anfängen ein ähnliches Leben. Ihre Heimat ist noch immer auch Italien. Hier verbringen viele von ihnen den Winter. Ende Februar allerdings packen 90 % der Bewohner ihre Sachen und fahren in Karawanen hinaus in die Welt. Nach Österreich, Frankreich und hauptsächlich Deutschland. In Dortmund oder Essen, Augsburg oder Bremen betreiben sie die oft besten und beliebtesten Eiscafés ihrer Stadt, die „Dolomiti“ und „Venezias“. Im Oktober geht es dann wieder zurück nach Italien. Die Dörfer des Val Zoldana füllen sich mit Leben und im November trifft man sich auf der wichtigsten Eismesse des Jahres in Longarone. Man holt sich Inspiration für die neue Saison.

Diese ist im vollen Gange – die Scussels stehen in ihrem Eiscafé, als wären sie nie weggewesen, und wir Lübecker lassen uns mit Freude den 63. Sommer von ihnen versüßen.