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Heiraten in der Marienkirche – 50 Meter bis zum „Ja“

Heiraten in der Marienkirche – 50 Meter bis zum „Ja“

Im weißen Kleid durchs Mittelschiff. Oder: Wer hat bei der Hochzeit eigentlich die Hosen an?

(LS) Das Westportal der Marienkirche ist üblicherweise gesperrt für Besucher. Wir sind keine Besucher, wir sind angemeldet. Wir sind hier, um zu heiraten!

Nun ist so eine Hochzeit zunächst einmal eine Veranstaltung, die auf den ersten Blick mit Emanzipation nicht viel zu tun hat. Gut, meine Frau ist weit mehr als selbstbestimmt, autark und gleichberechtigt. An diesem Tag jedoch habe ich die Hosen an. Sie hingegen trägt ein weißes Kleid. Nicht irgendeines, sondern DAS Kleid! Das Ergebnis eines umfassenden Kleid-Castings. Es dient nur sekundär dem Zweck, dass sich jeder andere nackt fühlt, sobald sie das Bauwerk betritt. Vielmehr ist es ihre Zugangsberechtigung für das Westportal.

Ich spiele den Hosenträger – und die zweite Geige

Ich als Hosenträger musste mich damit zufriedengeben, zusammen mit all den Gästen den Seiteneingang zu benutzen. Bislang hebe ich mich vom Rest der Gesellschaft vor allen Dingen dadurch ab, dass die Mundwinkel unentwegt und am steilsten nach oben zeigen und sowohl Anzug als auch Frisur noch ein bisschen besser sitzen, als bei jedem anderen. Nun, ich kann mir mein kurzes Resthaar mit einem Wachlappen kämmen, aber ich hab mir heute besonders viel Mühe gegeben. Der gemeine Gast erkennt mich und akzeptiert meine Berufung als Bräutigam. Zur Festigung meiner Position bekomme ich noch ein Gesteck ans Revers geheftet. Ich habe keine Verwechslung zu befürchten.

Die Trägerin des weißen Kleides hingegen wählt ein anderes Portal und betritt die Kirche als Letzte. Die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden ist ihr sicher.

In diesem Moment – wie auch in jedem anderen – bin ich sehr froh, dass sie gleich meine Frau sein wird.
 

Vom Westportal zum Altar in 4,1 Sekunden

Nun hat der liebe Gott – oder jedenfalls der Erbauer dieser Kirche – vor das Jawort noch einen Spaziergang durchs Mittelschiff von etwa fünfzig Metern Länge gesetzt. Die Inszenierung dieser fünfzig Meter folgt einer klar definierten Choreografie, die sich in etwas so beschreiben lässt: Geradeaus gehen.
Mann denkt ganz machohaft, das sei wohl machbar: Die Orgel setzt ein, Wagners Hochzeitsmarch aus „Lohengrin“ erklingt, die Gäste erheben sich und die wunderschön weiß Bekleidete setzt langsam einen Fuß vor den anderen. Welch ein schöner Moment, … zu sehen, wie Ihr lampenfiebriges Lächeln sich mir Schritt für Schritt nähert. Irgendwie jedenfalls.

Usain Bolt benötigte für die zweite Hälfte seines 100 m Weltrekords etwa 4,1 Sekunden – auf gerader Strecke ohne Rückenwind. Meine Frau braucht deutlich länger. Ich versuche, Ihr das nicht als „Zögern“ auszulegen.
 

Gut, sie hat das nicht trainiert. Jedenfalls nicht auf Geschwindigkeit. Außerdem hat sie einen älteren Herrn an der Hand. Ich gönne es dem netten Mann; es ist ihr Vater. Er ist es wohl auch nicht, der den Gang verlangsamt. Auch die beiden zweitschönsten Frauen des Tages, die hintendrein schreitenden Trauzeuginnen, sind mir wohl gesonnen. Keine der beiden wird mit Händen oder Gedanken den Gang meiner Zukünftigen verlangsamen. Vielmehr ist es die Melange aus Nervosität, Neid und gecastetem Kleid, die hier ein wenig auf die Bremse tritt.

Der schönste aller Momente

Meine Frau (ich nenne sie der Einfachheit halber jetzt schon so) … also, meine Frau hat durchaus den bedeutenderen Part zu leisten. Ich fühle mich hier ja ganz wohl, … stehend, passiv, lächelnd, wartend auf meine wunderschöne Braut. Meine Frau – und ich liebe diese Bezeichnung genau so sehr wie die Person, die dahinter steht – schreitet allerdings durchs Kirchenschiff, als sei es das geteilte Rote Meer.

In diesem Moment – wie auch in jedem anderen – bin ich sehr froh, dass nicht ich das Kleid trage.
 

Brautväter – Helfer in der Not

Es ist nicht nur ihre Angst, aufs Kleid zu treten und sich vor über einhundert Gästen im schönsten aller Momente vor dem Altar „langzumachen“. Es ist auch die Gewissheit, von nun an bis zum nächsten Sonnenaufgang im Mittelpunkt eines Festes zu stehen, welches das schönste des gesamten Lebens werden soll. Eine gewisse Portion Nervosität sei da wohl erlaubt und angemessen. Ich meine jedoch, das Flüstern ihres Vaters wahrzunehmen: „Einatmen, ausatmen, linker Fuß, rechter Fuß, …!“.

Deplatzierte Hinterbänkler

Zwischen all den verzauberten Blicken, zwischen all den glückselig feuchten Augen steht hier und dort auch ein Gedanke im Raum, der nicht deplatzierter hätte sein können. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber im Auditorium gibt es ein paar wenige Hinterbänkler, deren eigene Unzufriedenheit weder von Kirchenmauern noch von Hochzeitsmärschen aufzuhalten oder zu lindern ist.

Wohl dem, der einen Stehplatz hat!

Da ist die gute Freundin, die doch eigentlich Trauzeugin sein wollte. Nun sitzt sie – wie ich finde: Zu Recht! – in Reihe sechs und schaut trotzig ihren Konkurrentinnen hinterher. Da ist die Kollegin, deren Hochzeit ein echter Reinfall war. Das ist sehr traurig, aber heute bitte kein Grund für Missgunst: Reihe neun. Da ist der gute Freund, der viel lieber am anderen Ende des Mittelschiffs stünde um „Ja“ zu sagen. Tut mir leid (obwohl: eigentlich nicht!), aber diese unglaublich tolle Frau im weißen Kleid ist jetzt wirklich vergeben! Sein unaufrichtiges Lächeln reicht für einen Platz in Reihe sieben.

In diesem Moment – wie in kaum einem anderen – bin ich sehr froh, dass ich einen Stehplatz habe.
 

Im Hochzeitskleid zum Treueeid

Der freudigen Euphorie des Brautpaares und all der anderen Gäste kann dies nichts anhaben. Die wenigen negativen Gedanken kämpfen einen ungleichen Kampf gegen Herzlichkeit, Empathie und Rührung. Aus all den Taschentücher, die gezückt werden, ließe sich ein weiteres Kleid nähen. Je näher die Braut gen Altar schreitet, desto leichter und gleitender werden ihre Schritte. Dank der Unterstützung ihres Vaters hat sie im Laufe der letzten dreißig Meter die Fähigkeiten des Atmens und Gehens zurückerlangt. Der Organist mischt die Tasten nochmals neu durch, die Ringe liegen bereit und auch der Pastor lächelt sein breitestes sakrales Lächeln.

In diesem Moment …

Fünfzig Meter bloß. Eine kurze Strecke ohne räumliche Hindernisse. Eher ein würdevoller, romantischer Laufsteg umgeben von glücklichen Gesichtern. Und doch eine Distanz, an deren Ende sich das Leben noch einmal neu ordnet.
Als wir beide „Ja“ sagen, haben wir diese fünfzig Meter längst hinter uns gelassen und schauen uns erstmals als Ehefrau und Ehemann in die Augen.

In diesem Moment – wie auch in jedem anderen – bin ich sehr froh, dass sie meine Frau ist.