Hochzeitspanik will gelernt sein!

Hochzeitspanik will gelernt sein!

Erfahrungen aus der Marienkirche

(LS) „Wir brauchen mehr Stress!“, ist einer dieser Sätze, die man auf keiner Hochzeit missen möchte. Wie  langweilig wäre es doch, in der Rückschau nur von romantischen, wunschgemäß verlaufenden Momenten berichten zu können:

… ach ja, und dann kam die Hochzeitstorte, die aussah wie erwartet und die nicht vom Tablett gerutscht ist. Das war krass!
 

Geben Sie sich nicht mit vergessenen Ringen zufrieden!

Kein Mensch will so etwas hören! Erst die kleinen Pannen sind es doch, die man immer wieder gerne zum Besten gibt. Und wir reden hier nicht nur von vergessenen Ringen, zerrissenen Kleidern oder verpatzten Trausprüchen. Vielmehr sind es die erfolglos feinsinnigen Momente und unbewusst unsensiblen Aussagen. Es sind die ungewollt komischen Auftritte und verpatzten Serviceleistungen, die einem noch nach Jahren in Augen und Ohren klingen und den Puls zum Walzer tanzen animieren.

Das kleine 1×1 der Stressbewältigung

Die Kunst der Hochzeitspanik besteht nun darin, sie für jedermann unsichtbar in das Gesamtgeschehen zu integrieren. Man könnte einen Wettbewerb daraus machen, aber Brautpaaren mit geringer Stresstoleranz sei sicherheitshalber davon abgeraten. Gut geschulte, vorausschauend agierende Trauzeugen erahnen manch einen Fettnapf oder Fauxpas schon im Ansatz. Immer wieder aber dringen Störungen und Peinlichkeiten auch bis zum Brautpaar durch. In diesen Momenten sei auf eine alte Weisheit meiner Oma verwiesen: „Das musste ja so kommen – sonst wär’s anders gekommen!“. Also: Augen auf und durch! Die Augen und sich selbst vor dem Problem zu verschließen, ist keine Option. Schließlich möchte man ja nicht die eigene Hochzeit verpassen.

Hochzeits-Dienstleister: Eine ganz besondere Spezies.

So eine Trauung ist glücklicherweise eine Veranstaltung, die mit einem gewissen zeitlichen Vorlauf einhergeht. Sowohl Dienstleister als auch deren Werke und Fähigkeiten können verglichen und ganz bewusst ausgewählt werden. Fotografen, DJs und Konditoren verdienen an den beliebten und gut gebuchten Sommerwochenenden gerne mal so viel wie manch einer in einem ganzen Monat. Da möchte man sein Geld natürlich gut investiert wissen. Bei manch einem Dienstleister fragt man sich allerdings, wer von uns denn nun gerade die hundertste Hochzeit begleitet?

Heiraten ist kein Lehrberuf, wir machen das zum ersten Mal und auch für uns ist grad‘ sechste Stunde!
 

Bitte lächeln! – oder:  Wie gebe ich den Stress an andere weiter?

Bei der ersten und hoffentlich auch letzten Hochzeit meines Lebens trat ich nun also ein, in die Kirche. Nicht, dass ich vorher ausgetreten wäre. Jeden einzelnen Schritt wollte ich genießen und mir bis ans Ende aller Tage ins Langzeitgedächtnis einstanzen. Der Küster lächelte mich an und wünschte mir alles Gute. Er öffnete die große, schwere Holztür und drinnen empfing mich – Stopp!
So weit kam ich gar nicht: Unsere Fotografin hatte einen gebrauchten Tag erwischt. Daran trug sie keine Schuld. Sie war überpünktlich in ihr Auto gestiegen, um rechtzeitig  an der Marienkirche einzutreffen. Unter normalen Umständen.

In letzter Minute in die Kirche

Es wird wohl nicht an der großen Zahl unserer Hochzeitsgäste gelegen haben, die Straßen in Richtung Lübeck jedoch waren ungewohnt voll. Gerade noch pünktlich zu Glockenklang und Hochzeitsmarsch erschien sie weinend und gleichermaßen innerlich wie äußerlich aufgewühlt am Seiteneingang.

Mit ihrer riesigen Kamera wild durch die Gegend fuchtelnd begann sie nun, mir sehr detailliert und mit einem gewissen pantomimischen Geschick die Ereignisse der letzten zwei Stunden zu schildern. Sollte das hier gerade „Verstehen Sie Spaß?“ mit versteckter Kamera sein, hatte sie die Kamera extrem schlecht versteckt.
 

Ich konnte sie gerade noch davon überzeugen, dass wir die Diskussion vielleicht weiterführen sollten, nachdem die Braut durchs Kirchenschiff und mit mir zusammen wieder hinaus geschritten ist. Auch wollte ich nicht verpassen, wenn der Pastor mich um eine positive Antwort und die Einwilligung zur Trauung bittet. Wir verschoben das Gespräch.

Wer informiert eigentlich den Caterer?

Ein weiterer Versuch, die Kirche zu betreten. Der Küster erkannte mich wieder, glaubte an ein Déjà-vu, öffnete aber erneut. Er schien Mitleid zu haben, wusste mich aber mit einem Gesichtsausdruck, wie ihn sich nur Küster ins Gesicht zaubern können, zu beruhigen. Ein erster Schritt hinein ins Haus des Herrn. Ein Anflug angenehmster Ehrfurcht – Stopp! Wer informiert eigentlich den Caterer?

Ich würd‘ jetzt gerne heiraten!

Mit dieser Frage hab ich nicht gerechnet. Jedenfalls nicht jetzt. Ich mache kurz auf mein Problem aufmerksam: „Liebe Umherstehende, ich hab grad wenig Zeit. Ich würde jetzt gern heiraten! Und zwar in zwei Minuten!“ Ratlose Gesichter. Jeder, der irgendwie organisatorisch in die Zeremonie eingebunden ist, sitzt bereits in Kirchenbank eins, wartet vor dem Altar, trägt die Schleppe des Brautkleides oder fragt mich, wer eigentlich den Caterer informiert.
Während der Zeremonie bleibt für gewöhnlich keine Zeit, um nebenbei noch aufklärende Telefonate zu führen. Der Typ muss jetzt erfahren, wo er die Getränke für den Empfang nach der Trauung findet.

Last-Minute-Panik

Man stelle sich das Problem  in etwa so vor: Domino-Day auf RTL! Acht Milliarden Dominosteine warten nur darauf, zu kollabieren. Aber dann vergisst einer, den ersten Stein anzustoßen.
Meine Augen durchwandern die Reihen der sitzenden Gäste. Meine Gedanken spielen Tetris mit sämtlichen Kontaktdaten meines Adressbuchs. Da fällt mein Blick auf den Fels in der Brandung: Der Küster! Er hat den Schlüssel. Er öffnet die Pforte. Er haut in Großaufnahme den ersten Dominostein auf die Seite und bringt die Hochzeit ins Rollen! Gesagt – getan. Der gute Mann entgegnet mir ein bestens gelauntes „Kein Problem!“ und bringt mich zurück auf Stresslevel „Hochzeitsbeginn“. Das ist immer noch ganz ordentlich, aber nun ist es der Tatsache geschuldet, dass die tollste aller Frauen die Kirche betritt und ein überzeugtes, überzeugendes „Ja“ artikuliert.

Ich denke noch: „Wie gut, dass sie von all dem nichts mitbekommen hat.“, als sie mich fragend anschaut: „Was ist denn mit der Fotografin passiert?“.

„Schatz, wir brauchten mehr Stress!“.