Künstlerportrait Uwe Boschen

Künstlerportrait Uwe Boschen

Von Maria Gust. Als echtes Urgestein der hiesigen Kunstszene kann man sicher Uwe Boschen bezeichnen. Er ist langjähriges Mitglied der Gemeinschaft der Lübecker Künstler. Seine Arbeiten wurden hier vor Ort mehrfach bei den Jahresschauen der Gemeinschaft und in der Galerie Stewner gezeigt. Bei einem Atelierbesuch gab er Einblicke in sein breit gefächertes Schaffen und seine Gedankenwelt.

Schon im Flur offenbart sich, dass der gebürtige Bremer weit in die Welt hinaus gekommen ist. Bunte Malerei an den Wänden und eine Art Mandala an der Decke zeugen vom Einfluss fremder Kulturen. Das eigentliche Wohnatelier ist dagegen hell und ruhig in den Farben. Das Auge braucht Konzentration auf das Wesentliche. Seitlich zum Licht des fast wandgroßen Fensters befindet sich der Arbeitsplatz mit Tisch und Staffelei. Mappen mit fertigen Bildern lehnen an den Wänden. Farben, Pinsel und andere Utensilien stehen bereit. Eine Hängematte für die Entspannung zwischendurch zieht sich längs durch den Raum. Ein Ofen wartet auf seinen Einsatz gegen die Kälte des Winters.

Erinnerung und Phantasie für neue Ideen

Fast spartanisch wirkt die Einrichtung, aber für den Künstler bietet der Raum das Reich, in dem sich Erinnerung und Phantasie zu neuen Ideen verbinden. Über seinen Lebens- und Arbeitsraum sagt Uwe Boschen: „ Das Atelier ist die Außenhaut; der Inhalt ist das Malen bzw. die Umsetzung von Eindrücken in die Anschauung.“

Auf seiner Staffelei steht das Bild, das er gerade in Arbeit hat – eine flirrende Stadtlandschaft aus Mustern und Strukturen, mit Ölkreiden aufgebracht auf Karton. Sie repräsentiert gleich eins der Themen, die den Maler immer wieder beschäftigen.

Durch seine Erst-Ausbildung auf dem Schulschiff „Deutschland“ und seine zahlreichen Reisen durch Europa und den Orient hat sich in seiner Erinnerung ein wohl unerschöpflicher Erinnerungsfundus gesammelt.

Die Bilder der fernen Städte, z.B. dichtgedrängte Häuser in engen Gassen, kommen in umgewandelter Form auf den Malkarton. Dabei handelt es sich nicht um die Wiedergabe konkreter Orte, sondern um Kompositionen aus stadt-typischen Elementen. Uwe Boschen schafft es mit seiner abstrahierenden Malweise das atmosphärische Neben- und Übereinander sichtbar zu machen und weckt damit sicher bei dem einen oder anderen Betrachter Fernweh.

Hauptthema Mensch – der Blick ins Innerste

Eines seiner Hauptthemen ist der Mensch. Nicht die aufgelegte Fassade, nicht das Schöne oder Starke interessiert ihn dabei. Seine Köpfe sind bekannt dafür, dass sich eher Gefühle von Zerrissenheit und Angst, auch Enttäuschung oder Zorn in den Gesichtern ablesen lassen. Oft sind es die fehlenden oder verzerrten Augen auf den Kopf-Bildern, die Verletzung und Seelenlosigkeit im Ausdruck unterstreichen.

Was diese Veränderungen mit den Menschen machen liest der Künstler hinter der zur Schau getragenen Maske und bringt das Gesehene mit viel Nachdenklichkeit, aber auch mit Witz auf den Bildträger.

„Was ist der Mensch über seine Selbstdarstellung hinaus?“ fragt Uwe Boschen, und im weiteren Gespräch merkt man schnell, dass ihn auch das politische und soziale Umfeld beschäftigt. Er sagt darüber: „Der Mensch leidet emotional und materiell an den Verhältnissen, die er sich selber schafft. Er ist heute atomisiert im Vergleich zur früheren Einbindung in die Großfamilie“.
 

Insbesondere bei seinen Menschendarstellungen gab es verschiedene Kunstströmungen, die die Malweise des Künstlers beeinflusst haben. Der Expressionismus war in seiner Ausbildungszeit an der Kunstschule Bremen wichtig, hier vor allen Dingen Max Beckmann. Später begeisterten ihn unter anderem die Stilrichtung der „Neuen Figuration“, in den 80ern dann die der „Neuen Wilden“. Die Hauptstadt Berlin mit ihrem reichhaltigen Kunstangebot war und ist immer wieder Anlaufpunkt für ihn. Wichtige Impulsquelle ist für ihn aber ebenso eine Kunstform der jüngeren Generation, die Streetart. Uwe Boschen nimmt sich die Freiheit, seine Figuren mit Elementen der unterschiedlichen Stilrichtungen zum Leben zu erwecken.

Florale Motive – Leichtigkeit und mentale Entspannung

Nach der schweren Kost braucht der Geist auch mal Erholung. Die holt sich der Künstler dann zum Beispiel bei Spaziergängen durch den Schulgarten in Lübeck oder den Botanischen Garten in Berlin. Mitunter ist dann die Kamera dabei, die ihn beim Sammeln der Eindrücke unterstützt. Eine ganze Serie eher floral orientierter Arbeiten ist dabei entstanden. Auch hier geht es dem Maler nicht um traditionelle Wiedergabe des Gesehenen. Sein Augenmerk liegt mehr auf Fülle, Transparenz und Struktur. Dabei scheint sein typischer Strich die Bewegung einer Pflanze im Wind noch nachträglich sichtbar zu machen, und damit bannt der Künstler – weit über die Abbildung hinaus – ein Stück Lebendigkeit aus ihrem eigentlichen Lebensraum mit auf das Blatt.

Die Werke bieten für den Betrachter nicht mehr und nicht weniger als Leichtigkeit und Entspannung für das Mentale, und daher hat der Künstler sie leicht ironisch unter dem schönen Namen „Braincandy“ zusammengefasst.

Vita von Uwe Boschen

  • Uwe Boschen Jahrgang 1939
  • 1955 Ausbildung zum Matrosen auf dem Schulschiff “Deutschland“
  • 1956-59 Kunstschule Bremen
  • 1960 Abbruch des Studiums und zweijähriger Aufenthalt in Paris
  • 1962 längere Reisen nach Südeuropa und dem Nahen Osten
  • 1968 ein Jahr in Kopenhagen
  • 1970 ein halbes Jahr in Göteborg
  • 1976-79 Requisiteur an den Bühnen der Hansestadt Lübeck
  • seit 1981 Teilnahme an den Ausstellungen der Gemeinschaft der Lübecker Künstler
  • Arbeiten befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen