Werbung im Hause des Herren

Werbung im Hause des Herren

Kirchliches Productplacement –  konsequent omnipräsent

Sie nervt so ziemlich jeden: Werbung! Ob sie nun unterhaltend ist, ästhetisch oder informativ – immer lenkt sie uns ab von all den wichtigen Dingen, die wir eigentlich gerade tun. Und sie kommt zu oft. Zu oft kommt sie ohnehin. Und zu lang. Öfter als ich während eines Films zum Kühlschrank wollte, um ein neues Bier zu holen. Länger auch, als der zehn Sekunden kurze youtube-Film, dem sie vorangeht, es rechtfertigen würde. Omnipräsent ist sie. Im Bus, auf Kugelschreibern, über dem Bahnhofs-Urinal. So sehr hat man sich an ihre Allgegenwärtigkeit gewöhnt, dass es fast schon nervt, dass der Tatort am Sonntagabend nicht von Werbung unterbrochen wird.

Selbst die Marienkirche bleibt von Werbung nicht verschont

Doch dann das: Da gehe ich mal eben kurz in die Marienkirche, um zu heiraten, betrete also einen der Werbung unverdächtigen Ort, dieses bedeutende sakrale Gebäude, in dem einst wahrscheinlich schon Johann Sebastian Bach auf der Totentanzorgel spielte, verneige mich vor der Institution Kirche wie schon lange nicht mehr, schmiere dem lieben Gott zurecht ein bisschen Honig um den langen weißen Bart, … für die beeindruckende Architektur, … für seine Lübecker Bürger und deren Einsatz, den Wiederaufbau einer nahezu abrissreifen Kirche gemeistert zu haben, … für Liebe, Ehrfurcht, Respekt und Moral, … kurzum: Für diesen wunderschönen Moment. Und dann erfährt man, dass der alte Herr es zuließ, dass ihm jemand ein „Marmeladenglas“ ins Kirchenfenster setzte!

Corporate Design im Totentanzfenster – Sieben Türme, Marmelade und Marzipan

Mitte der Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts wurden die sogenannten Totentanzfenster – zu sehen auf der Nordseite der Kirche unweit der Weltzeituhr – von Carl Berkentien nach einem Entwurf von Alfred Mahlau hergestellt. Mahlau (1894 – 1967) hatte einen Lehrauftrag an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg inne und zählte in dieser Funktion auch Vicco von Bülow (Loriot) zu seinen Schülern.  Eine bescheidene Verbindung zum Schelmischen, Humorvollen dieser Welt ist also nicht von der Hand zu weisen ist. Er entwarf nicht nur die Briefmarke zum 800. Lübecker Stadtjubiläum sowie einen Entwurf des Notgeldes der Hansestadt in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, sondern machte sich als Grafiker auch um Lübecker Marzipan und Schwartauer Marmelade verdient.

So gestaltete er in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts das bis heute gültige Corporate Design des Niederegger Marzipans sowie das Sieben-Türme-Logo der Schwartauer Werke. Und eben dieses Logo ist als Schließe der Halskette eines Kaufmanns auf dem Totentanzfenster zu erkennen.

Der gute Wille zählt

Nun gut: Es ist recht klein und unauffällig gehalten und kaum zu erahnen, sofern einen niemand darauf hinweist. Auch ist Werbung gewiss nicht der ursprüngliche Gedanke gewesen, der diesem grafischen Statement vorausging. Vielmehr betätigten sich die Schwartauer Werke als Stifter und trugen in erheblichem Maße zur Finanzierung des Fensters bei, wie in Hartmut Freytags Werk über das Totentanzfenster der Lübecker Marienkirche zu lesen ist.

Mit offenen Augen durch Lübecks Kirchen

Nach wie vor haben also Loriot, Marzipan, Bach und Marmelade nahezu rein gar nichts miteinander zu tun. Und doch bilden sie in diesem kleinen Stück Fensterglas eine ziemlich fragile (und ziemlich an den Haaren herbeigezogene) Synthese, wie sie nur selten zu finden ist.

Also: Augen auf beim Kirch‘-Durchlauf!

Kleiner Tipp: linke Spalte, dritte Figur von unten …